Weg aus der Krise: Marathon, nicht
Sprint
Über Jahrzehnte haben sich die Deutschen darauf
verlassen können, das die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Volkswirtschaft
ihnen einen hohen Lebensstandard ermöglichte. Doch dieser
Lebensstandard ruht auf immer schmaleren Fundamenten.
Seit einigen Jahren fällt die Wettbewerbsfähigkeit des
Standortes Deutschland kontinuierlich zurück. Zwar ist die physische
Infrastruktur hervorragend; in den von uns für den Global
Competitiveness Report (GCR) gesammelten Daten steht Deutschland
hier auf Platz drei aller 80 erfassten Nationen.
Das System
der technischen Ausbildung ist in seiner Qualität und Breite immer
noch ein Vorbild. Das System von Universitäten und
Forschungseinrichtungen rangiert auf Platz vier unter allen
GCR-Nationen und ist Basis für viele Innovationen. Offene Grenzen
für Handel und Investitionen sowie die Präsenz starker lokaler
Konkurrenten erzeugen den Wettbewerbsdruck, der Anreize für laufende
Verbesserungen schafft. Anspruchsvolle lokale Kunden und die strikte
Gesetzgebung, zum Beispiel im Umweltschutzbereich, haben das ihre
getan, um deutsche Unternehmen zu Anbietern von Produkten und
Dienstleistungen zu machen, die auf dem Weltmarkt häufig den
neuesten Stand derTechnik repräsentieren. Deutschland ist auch
Heimat einer überdurchschnittlich großen Anzahl dynamischer Cluster,
also regionalen Konzentrationen von Produzenten, Zulieferern,
Dienstleistern, Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen und anderen
Institutionen, etwa in der Automobilwirtschaft oder der optischen
Industrie. Nicht zufällig steht Deutschland mit seinem starken
Mittelstand im GCR auf Platz eins bei der Qualität der im Land
ansässigen Zulieferer. Ebenfalls hat Deutschlands föderale Struktur
für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes eine wichtige Rolle
gespielt. Wichtige wirtschaftspolitische Kompetenzen sind auf der
Ebene der Bundesländer angesiedelt und sorgen durch den Wettbewerb
zwischen den Ländern für positive Dynamik.
Deutschlands
traditionelle Stärken reichten lange zur Sicherung des Wohlstands
aus. Über die letzten Jahre haben sich jedoch die negativen Zeichen
gemehrt. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist in Deutschland in den
vergangenen fünf Jahren mit jährlich 1,5 Prozent langsamer gewachsen
als in allen anderen führenden Volkswirtschaften bis auf Japan. Die
Arbeitslosigkeit verharrt bei annähernd zehn Prozent, während alle
vergleichbaren Länder die Arbeitslosigkeitsrate deutlich reduzieren
konnten. Beunruhigend ist auch das relative Abflachen der
traditionell hohen Wachstumsrate deutscher Patentanmeldungen in den
USA: Mit 3,5 Prozent jährlichem Wachstum über die letzten zehn Jahre
liegt Deutschland deutlich unter der Rate der skandinavischen und
außereuropäischen OECD-Mitgliedstaaten.
Warum zeigt
Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit so deutliche
Erosionserscheinungen? Ein Teil der Antwort liegt im Aufholen
anderer Standorte; in der Forschung beobachten wir seit einigen
Jahren ein deutlich gestiegenes Niveau der Wettbewerbsfähigkeit in
vielen Ländern. Unter Deutschlands direkten Konkurrenten sind es
unter anderem Australien, Großbritannien und die skandinavischen
Länder, die ihre Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessert haben.
Aber der Kern der Probleme ist hausgemacht: Während die
Unternehmen des Landes bei vielen Indikatoren auf den ersten Plätzen
liegen, bekommt das Wirtschaftsumfeld zunehmend schlechtere Noten.
So beim Ausmaß staatlicher Wettbewerbseingriffe und der Qualität des
Ausbildungssystems. Zahlreiche staatliche Interventionen führen zu
einer wettbewerbsfeindlichen Bevorzugung einzelner Unternehmen oder
Branchen. Staatliche Interventionen sind mehr und mehr Teil des
Alltags geworden: Deutschlands Position im Hinblick auf
wettbewerbsverzerrende staatliche Interventionen hat sich nach
unseren Indikatoren in den vergangenen fünf Jahren um 21 Plätze
verschlechtert! Wettbewerbsfeindliche Regulierungen, Bürokratie und
andere administrative Hürden für Unternehmer werden ebenfalls weit
schlechter beurteilt als für konkurrierende Standorte. Deutschland
ist stolz auf das Ausbildungsniveau seiner Arbeitskräfte. Aber es
gibt immer mehr Zeichen, dass das Ausbildungs- und Erziehungssystem
weniger leistungsfähig wird. Das schwache Abschneiden in der
Pisa-Studie findet seine Bestätigung in unserem Bericht: Die
Qualität der deutschen öffentlichen Schulen hat in den vergangenen
fünf Jahren 20 Plätze eingebüßt. Neben Italien ist Deutschland auch
das einzige größere OECD-Land, in dem über die vergangenen zehn
Jahre der Anteil von Forschern an den Beschäftigten gesunken ist.
Wettbewerbsfähigkeit ist nicht das Ergebnis von
Spitzenleistung in einem oder zwei Bereichen, sondern beruht auf dem
positiven Zusammenspiel vieler Faktoren. Und so gibt es eine ganze
Reihe weiterer Bereiche, in denen Deutschland absolut oder relativ
schwächer geworden ist. Die Qualität der Finanzmärkte etwa hat sich
in den vergangenen fünf Jahren um zehn Plätze verschlechtert. Das
Ungleichgewicht zwischen der Leistungsfähigkeit der deutschen
Unternehmen und der Qualität ihres deutschen Wirtschaftsumfeldes ist
gefährlich: Es treibt Unternehmen dazu, sich für ihre Investitionen
andere, wettbewerbsfähigere Standorte zu suchen und damit weniger
„deutsch“ zu werden. Die für Deutschland seit Jahren negative Bilanz
von Auslandsinvestitionen ist ein deutliches Zeichen für diesen
Prozesses.
Um den negativen Trend zu stoppen, muss
Deutschland Abschied von einer irreführenden Diagnose seiner
Wettbewerbsfähigkeit nehmen: Erstens sollte man aufhören, Zeit mit
der Suche nach externen Sündenböcken zu vertun. Es ist erstaunlich,
wie viele Deutsche die Existenz eines deutschen
Wettbewerbsfähigkeitsproblems verneinen und allein die schwache
Weltkonjunktur beklagen. Gerne wird auch auf die Probleme in der
amerikanischen Wirtschaft von Enron bis WorldCom hingewiesen und
damit der Ruf nach Reformen als Kotau vor dem „gescheiterten“
amerikanischen Modell denunziert. Beides entbehrt jeder Grundlage:
Viele Volkswirtschaften haben weit robuster auf die schwache
Weltkonjunktur reagiert als die deutsche. Und amerikanische Probleme
machen weder Deutschland wettbewerbsfähiger, noch ändern sie etwas
daran, dass die USA weiter die wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft
der Welt sind.
Deutschland muss zweitens seine verfehlte
Arbeitsmarktpolitik überdenken: Arbeitslosigkeit und fehlende
Wettbewerbsfähigkeit lassen sich nicht trennen. Kürzere
Arbeitszeiten, Vorruhestand oder staatliche
Beschäftigungsgesellschaften erkaufen Beschäftigung, aber sie kosten
Wohlstand und schaffen keine neuen Arbeitsplätze. Der einzige Weg
zur Schaffung stabiler, gut bezahlter Beschäftigung führt über ein
wettbewerbsfähiges Wirtschaftsumfeld. Nur wenn Unternehmen
profitabel operieren können, entstehen attraktive Arbeitsplätze. Die
Liberalisierung des deutschen Arbeitsmarktes ist ein Schritt dahin,
aber nicht die Lösung. Stärkere Anreize für Arbeitslose, sich um
neue Jobs zu bemühen, sind nur dann erfolgreich, wenn das
Wirtschaftsumfeld den Unternehmen auch Anreize zur Schaffung dieser
Jobs gibt. Australien, Finnland und Großbritannien zeigen, dass die
umfassende Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit höhere
Beschäftigung bei steigendem Wohlstandsniveau erzielen
kann.
Schließlich braucht Deutschland auch ein neues
Verständnis der Rolle des Staates in der Wirtschaftsentwicklung. Die
deutsche Vorstellung von der Rolle des Staates hat sich von einer
Stärke zu einer Belastung entwickelt. In der Vergangenheit hat die
Diskussion des wie viel staatlicher Wirtschaftspolitik zu einem
relativ geringeren Staatsanteil geführt. Die deutsche
wirtschaftspolitische Diskussion ist jedoch hierbei stehen geblieben
und gibt keine Antwort darauf, was der Staat wettbewerbskonform
beitragen kann und sollte. Stattdessen haben Politiker aller
Parteien nützliche Investitionen zur Verbesserung des
Wirtschaftsumfelds mit wohlstandsmindernden Interventionen zu
Gunsten einzelner Unternehmen oder Branchen vermengt.
Die
Bundesregierung muss Wettbewerbsfähigkeit zu einem zentralen Thema
der nationalen Debatte machen und bereit sein, die notwendigen
Reformen umzusetzen. Die Unternehmen müssen in einem offenen Dialog
eine führende Rolle bei der Wiederherstellung der
Wettbewerbsfähigkeit übernehmen. Diese aktive Rolle ist eine Frage
der unternehmerischen Vernunft, nicht bloß der staatsbürgerlichen
Pflicht: Erfolgreiche Unternehmen entstehen nur an
wettbewerbsfähigen Standorten. Vielleicht am wichtigsten ist, dass
Regierung und Opposition Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter als ein
primär parteipolitisches Thema begreifen. Nur ein breiter Konsens
sichert das notwendige langfristige Engagement: Wettbewerbsfähigkeit
ist ein Marathon, kein Sprint.
Für wirkliche Veränderungen
braucht es Entscheidungskraft, um das Interesse der Bürger vor das
der Partikularinteressen zu stellen. Früher war Deutschland dafür
ein Vorbild; es ist an der Zeit, wieder an diese Vergangenheit
anzuknüpfen.
Michael Porter ist Professor an der
Harvard University und Mitgründer der US-Beratungsgesellschaft
Monitor Group. Zusammen mit dem World Economic Forum gibt er
jährlich den Global Competitiveness Report heraus. Dr. Christian
Ketels ist wissenschaftlicher Leiter an Professor Porters
Institut für Strategie und Wettbewerbsfähigkeit an der Harvard
Business School.
Zur Homepage des Instituts gelangen Sie
unter www.isc.hbs.edu.
Von
Michael Porter und Christian Ketels
27.11.2002 17:31:57
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